"Eine der schönsten Klammen im Allgäu, ja sogar im gesamten Alpenbereich, ist sicherlich die Breitachklamm. Den Besucher erwarten muschelförmig ausgewaschene Felswände, Wasserfälle, mächtige, haushohe Felsblöcke, Steinmaterial, das in Erdrutschen herabgebrochen ist, fast urweltartige Eindrücke, riesige, senkrechte Felswände und sprudelndes spritzendes Wasser, weiß vor Gischt. Hochwassermarkierungen zeigen, wie hoch die Breitach in ihrer Schlucht schon gestanden ist.
" Breitachklamm, nicht zu versäumen! Die im Sommer 1905 eröffnete Klamm stellt sich an Grossartigkeit den bedeutendsten Klammen der Alpen würdig an die Seite." Eugen Waltenberger, 1922
Eigentlich wäre zu den oben genannten Zitaten nichts mehr hinzuzufügen, sie drücken alles aus und beschreiben alles, was einen beim Besuch dieser vielleicht berühmtesten Klamm des Allgäus erwartet. Nur drei Jahre später, 1925, verfasste der Schriftsteller Julius Wais wohl eine der schönsten und poetischsten Beschreibungen der Klamm: „... betritt man die wildromantische Breitachklamm, eine der großartigsten Felsschluchten der Alpen. Am inneren Ausgang des Felsentunnels starren weit überhängende Felsmassen empor; der Fluß zwängt sich an dieser Stelle durch ein gewaltiges Felsentor. Durch die zunächst noch erbreiterte, waIdumsäumte Schlucht mit ihrer Fels- und Wasserwildnis wandert man aufwärts; nach 1/4 Std. tritt man bei einem prächtigen, mit sattgrünem Wasser erfüllten Strudelkessel in den engsten Teil der Felsschlucht.
Im Halbdunkel zieht der ausgesprengte Pfad an den 80-120 m hohen, überhängenden Felswänden 600 m lang hin, während in der Tiefe im engen, oft nur meterbreiten Felsschlitz die Breitach weißschäumend mit Donnergetöse dahinschießt. Gleich nach dem ersten Steg, wie auch an vielen anderen Stellen der Klamm, zeigen sich mächtige Ausbuchtungen in den Felswänden, die Reste ehemaliger Gletschermühlen in beträchtlicher Höhe über dem Wasserspiegel: ein Zeichen, wie tief sich der Fluß inzwischen in sein Felsbett eingenagt hat. Beim zweiten Steg spannen sich mehrere gewaltige, eingeklemmte Felsblöcke über die Klamm, eine Art Naturbrücke bildend... im engen, tiefem Felsspalt rast der zusammengepreßte Fluß schäumend und brausend dahin.
In weiteren 5 Min. führen Treppen hinab zum Glanzstück der Klamm, dem,
von zwei donnernden Wasserfällen umbrausten Riesenblock, der bei einem früheren Felssturz zu Tal fuhr und nun das Bett der Breitach fast ausfüllt. Donnernd zwängt sich der Fluß durch zwei enge Felsenrisse in wildem Sturze hindurch. In der Tiefe schießt der milchweiß schäumende, brausende Fluß durch den engen, oft kaum meterbreiten Felsspalt in rasendem Wirbel dahin." Und als Abschluss: ".. .der Weg führt hier durch einen Tunnel aus der Fels- und Wasserwildnis ins lachende, waldumsäumte Tal."
Die Breitach entsteht bei Mittelberg-Baad im Kleinen Walsertal, wo sich drei Bergbäche vereinigen. Die bis zu beinahe hundert Meter tiefe und an manchen Stellen nur zwei Meter breite Schlucht entstand nach dem Abschmelzen der Gletscher der letzten Eiszeit, der Würmeiszeit. Der Name des Baches kommt von "breite Ach". Er ist einer der drei Quellflüsse der IIler, die anderen sind die Trettach und die Stillach. Alle drei kommen an einer Stelle zusammen.
"Hohe Felswände, senkrecht abfallend, bilden eine circa 200 F. tiefe, enge, wohl eine Viertelstunde lange Schlucht, durch welche sich die Breitach, in wildem Trotze gegen die Felsen stürmend, hindurchwälzt. Von dem Stege, der über die Schlucht führt, kann man sicher in die dunkle, schaurige Tiefe schauen, wo die Wasser im zürnenden Eifer am tiefen Schachte weiter graben." Josef Buck, 1856.
Liest man die obige Beschreibung aus dem ersten Allgäuer Reiseführer, ahnt man etwas davon, wie Furcht erregend eine solche Schlucht mit einem derart tobenden Bach in früheren Zeiten gewesen sein muss! Auch der Arzt Dr. Karrer aus Immenstadt lässt in seinem 1832 geschriebenen Text etwas von dieser Faszination ahnen: "Die Schlucht ist 36 Klafter tief und oben kaum zwölf Schuh breit. Grauenerregend ist der Blick in den Abgrund, aber fast schauerlicher, über ihn zu kommen. Es führt nämlich ehemals ein elender nur drei Fuß breiter Steg, der aus zwei Längen Holz gefertigt war, über die grausige Tiefe." Das alte Längenmaß Klafter bedeutete die Länge der ausgebreiteten Arme eines erwachsenen Mannes, entsprach also etwa 1,80 Meter.
Grundlos wagten die Menschen früherer Zeiten keine solchen Abenteuer wie die Begehung einer wilden Schlucht, da musste schon etwas Besonderes passieren. Und 1857 war es so weit: Dem Förster Schwarzkopf aus Oberstdorf stürzte ein Hirsch in die Schlucht! Für die Summe von 25 Gulden ließ sich der Tiefenbacher Seraphim Schöll in die Schlucht hinab, um das Tier zu bergen. Es gelang ihm aber nicht und so ließ sich auch sein Helfer Speiser an einem Seil hinab. Er weidete den Hirsch aus, so dass er leichter wurde und hochgezogen werden konnte. Nach dieser ersten Begehung hatte die Klamm wie der für fast ein halbes Jahrhundert ihre Ruhe.
Der nächste, den die unbezwungene Klamm lockte, war Johannes Schiebei, der neue Pfarrer von Tiefenbach. Er schaffte es 1901, die Ängste der Bevölkerung vor den brausenden und tobenden Naturgewalten in der Schlucht zu besänftigen und die Erschließung der Klamm voranzutreiben. Aber kein einheimischer Unternehmer traute sich an die Aufgabe. So wurden die Arbeiten, darunter viele Sprengungen, von Johann und Giovanni Lucian aus Primiero in Italien ausgeführt. Schließlich konnte der Weg durch die Klamm am 4. Juni 1905 eröffnet werden.
Der Weg durch die Schlucht ist fast 1,8 km lang und führt an Wasserfällen vorbei, dabei überwindet er Strudellöcher, Felsstufen und Kaskaden. Aber auch für die Ohren ist etwas geboten: Es röhrt und pfeift und tost und tobt. Kolke und Wassermühlen drehen sich. Wer nach oben blickt, sieht seltsame runde Hohlformen: dies sind die Reste von früheren Wassermühlen aus der Zeit, als die Klamm noch nicht so tief ausgeschürft war. In ihnen drehte das Wasser Steine so lange, bis ein tiefes Loch entstand; die Wände wurden dünner und brachen schließlich durch. Dadurch wurde die Schlucht wieder ein Stück tiefer. Dieser Prozess setzt sich auch heute noch fort und der Fluss gräbt sich weiterhin in den Fels ein. Ab und zu gab es auch schon Hochwasserkatastrophen, wobei die Fluten schon bis zu vier Meter über die Steiganlage gestiegen sind.
Am 15. Dezember 1949 wurde die Breitachklamm als Naturdenkmal unter Schutz gestellt.
Ausgangspunkt: Parkplatz Breitachklamm.
Wegverlauf:
Wenn man von Sonthofen her kommt, folgt man gleich den Wegweisern zum ersten Klammeingang, kurz bevor die Straße ins Kleinwalsertal führt. Von hier aus wandert man durch die Klamm bis zum hinteren Eingang. Der sehenswerte Teil der Klamm ist aber hier. Noch nicht zu Ende, so dass man vielleicht noch ein Stück weitergehen sollte, so lange man eben Lust hat. Nachdem wir zuerst an einer gewaltigen Bergsturzszenerie mit hausgroßen Felsblöcken vorbei gekommen sind, wird die Breitach anschließend immer friedlicher.
Da die Begehung der Klamm ein beeindruckendes Erlebnis ist, das ja auch einige Zeit in Anspruch nimmt, gehen wir anschließend auf demselben Weg wieder zurück.
Nun kann man die Natursehenswürdigkeiten von einer ganz anderen Perspektive bewundern, so dass sicherlich keine Langeweile aufkommen wird! Wer jedoch eine Rundwanderung unternehmen möchte, kann über das Fuchsloch und Hinterenge zurückkehren.
Quelle: „Spritztouren“ im Allgäu von Dieter Buck
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